Als Modeschmuck noch revolutionär war

Entwurf JDahm. Foto: Anna Beeke
Entwurf JDahm. Bild: Anna Beeke

Modeschmuck mit Plastikperlen, dekorativen Drahtkonstruktionen oder Verzierungen aus Stoff gehören heute ganz selbstverständlich zur Ausstattung einer modebewussten Persönlichkeit. Längst hat die Statement-Kette ihren festen Platz beim Styling erobert. Kaum noch vorstellbar, wie revolutionär es vor etwa 50 Jahren war, als diese Bewegung ihren Anfang nahm, die inzwischen gerne als Botschaft auf Upcycling-Materialien setzt. Im Textilmuseum St. Gallen zeigt die Ausstellung Body Jewels. Textiler Schmuck aus den Niederlanden und der Schweiz“, wie sich der Modeschmuck etablierte. Sie ist bis zum 9. Oktober zu sehen.

Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderung der 1960er-Jahre wendet sich eine Gruppe junger Schmuckgestalter vom traditionellen Schmuckdesign ab. Sie entwerfen experimentelle Objekte, die aus alltäglichen Materialien, wie Plastik, Kautschuk und Textilien, gefertigt und zu erschwinglichen Preisen angeboten werden. Ihren Anfang nimmt die das Schmuckdesign revolutionierende Entwicklung unter anderem in den Niederlanden, wo sie sich in den 1970er-Jahren etabliert. Die Freude am Experiment und an intellektuellen Spielereien sind den Gestaltern manchmal wichtiger als die Tragbarkeit. Für Designerinnen wie Alet Pilon oder Felieke van der Leest existiert die Trennung zwischen Mode, Accessoire und Schmuck nicht. Sie greifen künstlerische Strömungen auf und thematisieren in ihren Arbeiten gesellschaftspolitische Fragen. Die Ausstellung gliedert den Schmuck nach den Themen Lines, Craft, Animals, Menagerie und Stories. In der Gruppe Lines finden sich mit Arbeiten von Lam de Wolf und Johanna Dahm skulpturale Stücke, die den organisch geschwungenen Linien des Körpers strenge, geometrische Formen entgegensetzen.

Viele der in der Gruppe Craft gezeigten Objekte sind hingegen sanfter, dem Körper näher und beeindrucken durch die hohen handwerklichen Fertigkeiten der Künstler. Alet Pilons Wapenrok aus fein plissiertem Segeltuchstoff umhüllt die Figur und überdeckt ihre natürlichen Formen. Verena Sieber-Fuchs verarbeitet wertloses oder unspektakuläres Material – Fundstücke und Verpackungen aus der Konsumgüterwelt – zu filigranen Kunstwerken. Mit den Arbeiten von Felieke van der Leest, die ein Universum eigenwilliger, oftmals surrealer Tieren, Pflanzen und Objekten häkelt und strickt, taucht man in eine witzige, manchmal auch melancholische Menagerie ein: Froschschenkel werden zur Brosche und der Hase auf Rädern zieht eine Kette von Karotten hinter sich her. Diesen kleinen und feinteiligen Objekten aus Holland stehen zwei große Kleider-Skulpturen von Julie Simon gegenüber: Ein lebensgroßes, gehäkeltes Reh, das als skurrile Reminiszenz an Figuren auf einem Karussell, aber auch als Anspielung auf Artemis, die Göttin der Jagd, interpretiert werden kann, und ein Minikleid, das zwei auf den Hüften befestigte Köpfe eines Rehbocks zieren.

Aus dem Bereich Animal eine Arbeit von van der Leest.
Aus dem Bereich Animal eine Arbeit von van der Leest.
Ein Anhänger aus der Kollektion van der Leest.
Ein Anhänger aus der Kollektion van der Leest.

BodyJewels_van der Leest_06(c)TextielmuseumaDiese Arbeiten der Absolventin der HEAD in Genf leiten fließend zur Objektgruppe Animals über. Auch hier geht es um Tiere, aber in ihrer unheimlichen Ausformung. Alet Pilon gestaltet aus Pferdeschweifen, Schädeln und Hörnern von Schlachtvieh oder verunfallten Tieren in Kombination mit verführerischen (Kunst-)Pelzen schaurig-schöne Kleidungsstücke. Nathalie Luder, eine im Tessin lebende Künstlerin, druckt die überdimensionale Fotografie einer Specktranche auf einen Seidenfoulard.

Den Abschluss der Ausstellung bildet mit der Objektgruppe Stories. Schmuck, in den die Designer sehr persönliche Inhalte einfließen lassen. Sie greifen die Tradition auf, mit Schmuckstücken an wichtige Ereignisse wie Geburt, Hochzeit und Tod oder an bestimmte Personen zu erinnern: Eine sehr persönliche Arbeit der Holländerin Miriam Verbeek befasst sich mit dem Tod. Ihr Trauerring ist ein Ensemble aus Ringen für jeden Finger einer Hand. Die metallenen Ringen sind von seidenen Hüllen ummantelt, die sich beim Tragen abnutzen. Übrig bleiben die Silberringe als Erinnerung an den Toten, aber auch als Zeichen eines Endpunktes der Trauerzeit.

Konzipiert wurde die Schau vom Textilmuseum in Tilburg, das die niederländische Designentwicklung anhand von Schmuckstücken aus der eigenen Sammlung illustriert. Das Textilmuseum St. Gallen ergänzt sie holländischen Positionen durch Schweizer Objekte, die gleichermaßen von der Auseinandersetzung mit internationalen Strömungen wie von eigenständiger Entwicklung zeugen. Vertreten sind neben holländischen Designern auch namhafte Schweizer Gestalter wie Meret Oppenheim, Johanna Dahm und Otto Künzli, aber auch zahlreiche Newcomer.

Weitere Infos zum Textilmuseum St. Gallen hier.

Alle Bilder soweit nicht anders gekennzeichnet: Textilmuseum St. Gallen

Entwurf deWolf
Entwurf deWolf
Entwurf deWolf
Entwurf deWolf
MidnightFeathers Foto: BaptisteCoulona
MidnightFeathers Bild: BaptisteCoulona

 

 

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