Stilisierte Armut und Blumenkinder: Die Mode der 68er

Die 68er: Männer mit langen Haaren und manchmal sogar mit Kajal, Frauen mit Parka und zerrissenen Jeans. Offensichtlich wollten diese jungen Leute die Gesellschaft und ihre Eltern provozieren. Aber was war eigentlich neu damals? Setzen sie sich wirklich von anderen politisch-modischen Protestbewegungen ab? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Barbara Vinken (Bild).

Die Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist seit längerem intensiv im Themenbereich Fashion und Kulturgeschichte unterwegs. Mit ihrem zum Klassiker gewordenen Buch „angezogen“ lüftet sie zahlreiche Geheimnisse der Mode. In einem Gespräch mit dem Fresh Fashion Club gibt sie Einblick in die Welt der legendären Jugendbewegung und ihre Ausstrahlung bis heute.

FFC: Frau Vinken, war die Protestbewegung der 68er auch eine Kleiderrevolution?

Vinken: Auf den ersten Blick ja. Es gab einen starken orientalischen Einfluss auch durch die Flower Power Bewegung. Außerdem äußerte sich darin eine Konsumkritik nach dem Motto: Kaufe nichts mehr in Warenhäusern, sondern nehme alte Sachen vom Dachboden oder aus der Altkleidersammlung.

FFC: Hinter dem Motto hat sich aber keine Sparsamkeit verborgen, sondern was?

Vinken: Ein nostalgischer Blick auf frühere Zeiten. Es handelte sich um eine Form von Stilisierung von Armut, also eine nostalgische Armut.

FFC: Es gab überall Fransen, an Hemden, Taschen, heruntergelatschten Jeans. Die Regeln der Gesellschaft fransten sichtbar aus, oder?

Vinken: Ja, das kann man so symbolisch sehen. Die alte und gebrauchte Kleidung, die getragen wurde, war abgerissen und oft aus zweiter Hand.

FFC: Aber die Second Hand Läden waren Ende der 1960er Jahre noch nicht erfunden worden, stimmt das?

Vinken: In New York, London und Paris gab es bereits Second Hand Läden. Ob es in Deutschland auch schon welche gab, weiß ich nicht genau.

FFC: Wie politisch war die Mode der Protestbewegung?

Vinken: Sie war extrem antikapitalistisch und antimilitaristisch. Das zeigt sich besonders an der Männermode. Der normale Bürger ging im Anzug und ordentlich gekleidet. Der 68er trug eine Baskenkappe, der Hut der baskischen Separatisten, als Statement.

FFC: Und was kann man zur Frauenmode der damaligen Zeit sagen?

Vinken: Zum ersten Mal gab es ein internationales Mannequin. Twiggy. Sie trug ein Kleidchen, das an Babykleidung erinnerte. Ein einfach geschnittenes Hängerchen. Dazu Babyface mit großen Augen und kurzen Haaren. Mit ihr wurde zum ersten Mal eine Abkehr von der Weiblichkeit hin zum Mädchenhaften propagiert. Mit stark pädophilem Akzent. Allerdings wirkt die Kindfrau eher unschuldig als aufreizend. Daher ist es ein  falscher pädophiler Akzent.  Ein weiterer Trend zeigt sich an den langen Haaren der Männer und dem offen getragenen langen Haaren der Frauen. Hier  wurde die Geschlechterdifferenz nicht mehr klar abgegrenzt.

FFC: Heute versucht man das Lebensgefühl von damals mit Shabby Schick, z.B. mit zerschnittenen Jeans, zu zitieren. Funktioniert das?

Vinken: Die Mode um 1968 herum ist  keine Neustrukturierung des Systems Mode, sondern eine Neuakzentuierung. Diese Neuakzentuierung hat wichtige ästhetische Aspekte. Die Körper, die man sieht, sind perfekt. Hier zeigt sich, dass Jugend keine biologische Kategorie ist, sondern ein gesellschaftliches Klassenmerkmal – das einer aufstrebenden Bourgeoisie, die Werte anders definiert.

Plattencover der Beatles LP Hey Jude. Foto: privat

FFC: Das erleben wir gerade auch.

Vinken: Ja total. Für mich ist es die zentrale Frage: Ist die 68er Mode  aus der Mode selbst entstanden oder nicht etwa schon seit Beginn der 1960er Jahre sichtbar und lag mit Marry Quant und Bubble Up und anderen schon auf dem Tisch? Die Studenten der Protestbewegung waren ja sehr bürgerlich gekleidet, trugen teilweise noch Anzug. Die Mädchen hatten Röcke und Stiefel an. Sie stammten häufig aus der Oberschicht. Die Beatles sind typische Vertreter der Antimodenschau, wenn sie sich auf den Plattencovern mit unterschiedlichen Kleidungsstilen präsentieren.

FFC: Ist von den damaligen Strömungen heute noch etwas aktuell, obwohl es mit Punk und anderen kulturellen Bewegung doch auch andere Trends gab?

Vinken: Ja, es ist sehr aktuell. Vieles, was damals ins Rollen gebracht wurde, zeigt sich noch in der aktuellen Mode.

FFC: Danke für das Gespräch.

Kürzlich zeigte das Literaturhaus München die Ausstellung „Blumenkinder“ mit Fotos von Stefan Moses. Barbara Vinken findet, dass die Bilder des Künstlers den damaligen Zeitgeist sehr gut treffen. Hier zwei Beispiele.

 

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Barbara Vinken ist Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und unterrichtete zuletzt in New York, Paris und Chicago. Sie schreibt für »DIE ZEIT«, »NZZ« und »CICERO« und ist regelmäßig im Fernsehen zu Gast.

Anfang April 2018 ist Barbara Vinken beim Bildungszentrum Nürnberg zu Gast:

Veranstaltung in Nürnberg: Mode der 68er mit Barbara Vinken.

Aufmacher- Bild von Erielle Bakkum

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