Mit dem Dirndl zieht man ein Stück Geborgenheit an

Der Dirndl-Boom lässt sich auf die Sehnsucht nach Heimatgefühl in einer globalisierten Welt zurückführen. Vor allem junge Menschen möchten ein Stück Geborgenheit anziehen, wenn sie in das Dirndl oder die Lederhose schlüpfen. Darin war sich die illustre Runde im Forum des Handwerkerhofs Nürnberg beim TrachtenTalk einig. Der Fresh Fashion Club hatte zur Diskussion eingeladen und die beiden Moderatorinnen Nicoletta De Rossi und Petra Nossek-Bock führten durch einen informativen wie unterhaltsamen Abend.

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„Auch in früheren Zeiten hat die Tracht signalisiert, ich gehöre zu einer bestimmten Gruppe“, erklärt Evelyn Gillmeister-Geisenhof von der Trachtenforschungsstelle des Bezirks Mittelfranken. Es spiele dabei keine Rolle, ob das Dirndl an alte Traditionen anknüpft oder neu interpretiert wird. Wichtig sei dagegen – und das war früher noch viel ausgeprägter , dass es sich um ein praktisches Kleidungsstück handelt. Für Marion Wörlein vom Nürnberger Trachtenlabel „Maroni“ ist es auch der Wunsch der Frauen, „sich einmal wie eine Prinzessin zu fühlen,“ der sie zum Dirndlkauf bewegt. Denn in dem traditionellen Kleid mit Spitzenbluse und Schürze „kann man ein bisschen freizügiger sein und sich chic zurecht machen.“

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„Bei den Salzburger Festspielen sieht man immer mehr Gäste in Dirndl und Trachtenanzug“, ergänzt Margita Bundschu, Regionalbeauftragte des österreichischen Trachtenlabels Gössl. Aber auch die funktionale Seite der traditionellen Kleidung ist ihr bekannt. So wurde sie einmal in Regensburg angesprochen, in welchem Hotel sie arbeite, weil sie ein Dirndl anhatte.

Der japanische Journalist Heizo Takamatsu verortet traditionelle Kleidung wie Dirndl oder Kimono zwischen der echten Liebe zum Kleidungsstück und der Instrumentalisierung für Marketingzwecke. Das unterstreicht Margita Bundschuh mit ihrer Beobachtung vom Gössl-Shop am Münchner Flughafen. Dort kaufen die Touristen gerne ein Dirndl, um „im Trachtenland anzukommen“. Die Kunden möchten häufig einiges über die Herstellung und Bedeutung von Tracht wissen.

Da ist Michael Schell, Filialleiter von Gössl in Nürnberg, ein wahre Fundgrube. Der Franke kennt sich in Historie und Trachtenkunde bestens aus. Er verweist darauf, dass die Qualität der Materialien und die Handarbeit bei der Herstellung eine wachsende Bedeutung erlangen. Ein Dirndl oder eine Lederhose sind eine Anschaffung, die über Jahre hinweg getragen werden kann. Manchmal werden die Stücke auch in die nächste Generation vererbt.

Dann kann es dazu kommen, dass Einzelstücke auf Trödelmärkten verkauft werden, wie Margita Bundschuh anmerkt, die gleich eine alte Dirndljacke mitgebracht hat. Sie findet es schön, dass aus alten und neuen Sachen wieder eigene Kreationen entstehen. Dazu passt, dass auch wieder mehr Volksmusik gehört wird, wenn auch teilweise neu interpretiert. Nur wenn eine kulturelle Bewegung hinter dem Trend zur Tracht steht, dann kann er nachhaltig sein.

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Ob der Dirndl-Boom schon den Zenit überschritten hat, wie es Evelyn Gillmeister-Geisenhof mutmaßt, oder nachhaltig dafür sorgt, dass die junge Generation an das Modethema herangeführt wird, muss sich zeigen. Entscheidend ist, dass sich die Sehnsucht nach Traditionellem weltweit widerspiegelt. Sie ist beispielsweise auch in Japan zu finden, wie Takamatsu bestätigt, der übrigens in einer Yukata zum Talk gekommen ist. Den Sommerkimono kombinierte er mit einem Business-Hemd. Das beschwor die Frage von Michael Schell herauf, was der Japaner eigentlich normalerweise unter dem Kimono trägt, was große Heiterkeit auslöst. Ohnehin wird das Dirndl ja gerne auf Festen getragen und sorgt so für eine fröhliche Atmosphäre. Da spielt es auch keine Rolle, dass inzwischen wieder mehr Münchnerinnen mit Jeans auf der Wiesn gesichtet werden, und sich der Dirndl-Boom nun in den Regionen wie Franken ausbreitet.

Übrigens für alle Modefans unter den Dirndl-Liebhaberinnen: Im Herbst sind die Farben, Blau, Aubergine und Beerentöne angesagt.talkff_hut-20160919_fe_8249

Bilder: Orlando Fashion

Am Donnerstag, 29. September, veranstaltet das Trachten-Label Gössl ab 17 Uhr einen Lederhosentreff im Forum des Handwerkerhofs in Nürnberg. Der Eintritt ist frei. Gäste sind willkommen.

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