Exklusiv-Interview mit Thierry-Maxime Loriot: The message behind the scenes

Er lobt die deutschen Modeschöpfer, allen voran Jil Sander und Karl Lagerfeld, aber auch Thomas Maier oder Dirk Schonberger. Marlene Dittrich bewundert er ebenfalls. Thierry-Maxime Loriot, Kurator der großen Jean-Paul-Gaultier-Ausstellung in München, hat Fresh Fashion Club ein Exklusiv-Interview gegeben. Darin unterstreicht er die Botschaft, nämlich über die  gezeigten Haute Couture Modelle hinaus, Gaultiers Vision von einer Gesellschaft voller Toleranz und Offenheit gegenüber Menschen, egal welchen Geschlechts, Alter, Figur oder sexuelle Orientierung. Zudem erklärt der sympathische Ausstellungsmacher, wie der Idee entstand, spezielle Puppen zu entwickeln, die mit dem Besucher kommunizieren.Gaultier_20160120_fe_1322-tml4

Bis zum 14. Februar ist die inspirierende Ausstellung „Jean-Paul Gaultier: From the Sidewalk to the Catwalk“ in der Münchner Kunsthalle der HypoStiftung zu sehen. Thierry-Maxime Loriot wird im September 2016 eine große Ausstellung über den berühmten Modefotografen Peter Lindbergh in Rotterdam zeigen. Lindbergh hat das zentrale Foto zur Gaultier-Ausstellung geschaffen und auch das Portrait zu unserem Interview.

Herr Loriot, in einem Interview sagten Sie, Sie sind ein Geschichtenerzähler. In der Ausstellung erzählen Sie die Geschichte von Jean Paul Gaultier, von seiner Karriere und seiner Kreativität. Mit welchen Eindrücken sollten die Besucher der JPG-Ausstellung nach hause gehen? Woran sollten sie sich erinnern?

Diese Ausstellung beschäftigt sich nicht nur mit Fashion, sondern mit einer Vision von einer Gesellschaft, die tolerant ist und andere akzeptiert. Bei JPG gibt es keine Tabus, viele Menschen können sich damit verbunden fühlen. Er hat nicht nur die Modewelt vorangebracht, sondern auch die Gesellschaft insgesamt. Jeder war immer willkommen auf dem Laufsteg, egal welches Alter, welche Figur, Hautfarbe, Religion, welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung er hat. Es ist sehr erfrischend, jemanden wie JPG zu haben und auch unbedingt notwendig…

Es ist eine ungewöhnliche Erfahrung, die Ausstellungsfiguren zu sehen, die scheinbar mit dem Besucher sprechen. War dies Ihre Idee? Haben Sie solche Figuren in Kombination mit einer Video-Projektion zuvor gesehen?

Thierry-maxime Loriot (l.) und Monsieur Gaultier (r.) sprechen die Besucher an.
Thierry-Maxime Loriot (l.) und Monsieur Gaultier (r.) sprechen die Besucher an.

Vor einigen Jahren entdeckte Mr. Gaultier das Stück „The Blinds of Maeterlink“ während des Avignon Festivals in Frankreich, das von dem Montrealer Direktor Denis Marleau inszeniert wurde. Er war von der technischen Umsetzung des Stücks fasziniert, von der Arbeit mit Projektionen statt mit Schauspielern und dachte, dass man Marleau fragen könnte, zumal wir aus Quebec kommen und die Ausstellung von dem Montreal Museum of Fine Art initiiert und produziert wurde. Es war eine naheliegende Zusammenarbeit, bei der auch ich als Vorbild für den Prototyp herhalten musste. Wir mussten alle Gussformen anpassen. JPG hat es getan, viele Musen, Ève Salvail, die eine Muse von Gaultier ist, das Original-Mädchen mit dem rasierten Kopf und dem Drachen-Tattoo, Francisco Randez, der sein Männerparfum hinzufügte, Melissa  Auf der Maur, die Bassistin der Gruppe Smashing Pumpkins and Hole, Opernsänger etc…. Es zeigt, wie international sein Universum ist und, dass jeder ein Gaultier-Model sein kann. Es ging um die starke Aussage seiner Arbeit und nicht nur um einen künstlerischen Effekt für die Ausstellung.

Die JPGAusstellung wird in verschiedenen Metropolen gezeigt. Was ist das Besondere an der Präsentation in München?

München ist eine Stadt mit einer sehr offenen und vielseitigen Kunstlandschaft. Es gibt viele große Museen mit ganz unterschiedlichen Ausstellungen. Ich denke, Deutschland ist sehr offen und kann in vielerlei Hinsicht Gaultiers Gedankenwelt nachempfinden, angefangen bei den unterschiedlichen ethnischen Traditionen bis hin zu den verschiedenen Einflüssen durch Künstler wie Nina Hagen, und bis zu dem deutschen Fotografen Peter Lindbergh und dem Model Nadja Auermann.

Unter der kundige Führung von Dr. Stefan Schukowski aus dem Ausstellungsteam hat die gruppe einen tiefen Einblick in Gaultiers Schaffen erhalten.
Unter der kundige Führung von Dr. Stefan Schukowski aus dem Ausstellungsteam hat die Gruppe einen tiefen Einblick in Gaultiers Schaffen erhalten.

Ist es Ihr erster Aufenthalt in Deutschland?     

Ja! Ich liebe München sehr, es ist eine großartige Stadt, die viel zu bieten hat: großartige Menschen, großartiges Essen, großartige Stadt!

Was denken Sie über Deutschland und die deutsche Modeszene?

Die deutsche Mode hat ihre eigene Identität, die mit der Ästhetik des Landes verbunden ist, das ich mag. Die Architektur, die Fotografie und die Kunst haben sich in Deutschland weiter entwickelt. Sie sind alle auf vielfältige Weise miteinander verbunden, angefangen von der Minimalistin Jil Sander und der zeitlosen Ikone Marlene Dietrich, die so viele Menschen beeinflusste, bis zum Regisseur Fritz Lang, dessen Arbeit heute noch unglaublich bedeutend ist. Viele deutsche Modedesigner sind extrem erfolgreich und haben eine beeindruckende Persönlichkeit wie Karl Lagerfeld oder Thomas Meier, genauso wie Dirk Schonberger, der Kreativdirektor von Adidas, der die Marke auf ein anderes Level brachte, sehr modern und fortschrittlich im Hinblick auf die großen Kooperationen, und mehr Richtung Mode orientiert – gleichzeitig behält die Marke ihren Kultstatus.

Der Laufsteg in der Jean-PaulGaultier-Ausstellung ist ein bewegendes Element in der Präsentation. Vermissen Sie Ihre frühere Arbeit als Model?

Gaultier_ModenschauAls Model zu arbeiten war eine große Chance und eine positive Erfahrung für mich. Es ist eine Welt, von der viele Menschen träumen,  aber es  geht darum, einen Traum zu verkaufen, eine Fantasie, von der Menschen erzählen können und darauf reagieren. Ich vermisse meine Arbeit als Model nicht, da sich meine Arbeit in eine andere Richtung entwickelt hat, die sehr eng mit der Modeindustrie verbunden ist. Ich hatte viel Glück, dass ich mit vielen berühmten Fashion Designern und Fotografen  zusammengearbeitet habe. Ich stehe immer noch in Kontakt mit ihnen und arbeite mit ihnen in verschiedenen Projekten zusammen.

Wie intensiv ist der Kontakt zu JPG inzwischen, nachdem die Ausstellung erfolgreich, aber in ein paar Monaten abgeschlossen ist? Sind Sie Freunde oder mehr eine Arbeitsgemeinschaft?

Monsieur Gaultier, wie er sich gerne sieht.
Monsieur Gaultier wie er sich gerne sieht.

Ich begann mit der Arbeit an diesem Projekt 2009 – also vor sieben Jahren. Natürlich bist du am Anfang zurückhaltender, wenn es darum geht, deine Meinung zu äußern und zu teilen. Aber nach all diesen Jahren ist es großartig, so einfach, miteinander zu kommunizieren, beispielsweise darüber, wie wir die Ausstellung an die jeweiligen Örtlichkeiten anpassen. Gaultier liebt es, mit anderen zusammenzuarbeiten und ist sehr offen. Es ist großartig, mit ihm zu arbeiten.

Als Kurator möchten Sie eine Botschaft verbreiten. Welche ist das in Ihrer nächsten Ausstellung in Rotterdam über Peter Lindbergh?

Als Kurator meine ich, ist es wichtig, Dinge zu zeigen, die nicht unbedingt für die große Öffentlichkeit sichtbar sind. Eine Botschaft hinter der Bühne, unveröffentlichtes Material. Menschen lieben es, etwas über das Reich eines Künstlers zu erfahren und es zu entdecken. Im Fall von Peter Lindbergh geht es darum, dass er einen starken gesellschaftlichen Aspekt mit seiner Vision von einem völlig anderen Schönheitsbegriff hat und wie man Frauen fotografieren anders kann, auf eine freizügige und natürliche Art. Er ist wirklich ein meisterhafter Fotograf, den man häufig als „Fotograf der Wahrheit“ bezeichnete. Er ist eine Ikone und einer der wenigen Fashion-Fotografen wie Irving Penn und Richard Avedon, die in der Lage sind, die Grenzen zur Kunst zu überschreiten und deren Arbeit einzigartig ist. Sie berührt viele Menschen durch ihre Schönheit und Schlichtheit. Lindbergh hat inzwischen fast 40 Jahre in dem Metier gearbeitet und hat einen interessanten Weg hinter sich vom Konzeptkünstler im Berlin der 1960er Jahre bis zu dem, was er heute ist. Er ist einer der wenigen Künstler mit einer starken sozialen Botschaft. Er hat starke Bezüge, die ihn einzigartig machen, angefangen von den einzelnen Portraits, Tanzserien bis zu der Geburt der Supermodels, die er geschaffen hat.

Interview: Petra Nossek-Bock

Das Interview im Original

Thierry-Maxime Loriot, fotografiert von Peter Lindbergh
Thierry-Maxime Loriot, fotografiert von Peter Lindbergh

Mr. Loriot, in an interview you said, you are a Storyteller. So you tell the story of JPG and his career and creativity. What should people feel after visiting the JPG exhibition? What should they remember?

This exhibition is not only about fashion, it is mostly about an open vision of society, acceptance, tolerance. There is no tabbos in his work, many people can relate to it and he brought a lot not only to the fashion world but also to society. Everybody was always welcome on his catwalk whatever their age was, body shape, skin colour, religion, gender or sexual orientation. It is very refreshing to have someone like Gaultier, but also very necessary…

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It is a strange experience to see models whose seem to talk with the visitor. Was it your idea? Have you seen something like these figures with the video-projection before?

Mr. Gaultier saw a play at the Avignon Festival in France a couple of years by Montreal director Denis Marleau, The Blinds of Maeterlink. He was fascinated by the technical aspect of his plays, working with projections for a play, no actual actors and thought that maybe we could ask him since we were from Quebec as well and the exhibition initiated and produced by the Montreal Museum of Fine Arts. It was a very natural collaboration, I had to be the prototype to have my head cast and filmed so the projection would match all the features from the mold. JPG did it, many muses, Ève Salvail who was a muse of gaultier- the original girl with the shaved head and the dragon tattoo, Francisco Randez who did his Male perfume ads, Smashing Pumpkins and Hole bassist Melissa Auf der Maur, opera signers, etc…It showed also how broad is his universe and that everybody can be a Gaultier model. It was about the strong social message in his work, not only an artifice for the exhibition.

Hypo-Kunsthalle, Ausstellung Jean-Paul Gaultier "From the sidewalk to the catwalk" Foto: Marcus Schlaf, 17.09.2015
Hypo-Kunsthalle, Ausstellung J-P Gaultier „From the sidewalk to the catwalk“
Foto: Marcus Schlaf, 17.09.2015

The JPG exhibition was in several big cities. What is the special part in Munich?

Munich is a city that is very open different form of arts, there is many great museums that propose a great diversity of exhibitions. I think Germans are very open minded and can relate in many ways to Gaultier’s universe, from tradition to ethnic deiversity to his different inspirations from signers like Nina Hagen to collaborating with German photographer Peter Lindbergh or model Nadja Auermann.

Das offizielle Plakat zur Gaultier-Ausstellung stammt ebenfalls von Peter Lindbergh
Das offizielle Plakat zur Gaultier-Ausstellung stammt ebenfalls von Peter Lindbergh

Is it your first stop in Germany?

For the exhibition, Yes! I love Munich very much, it is a great city that has a lot to offer, great people, great food, great city!

What do you think about Germany and the fashion scene?

German fashion has his own identity that is connected to the aesthetic of the country which I love. When you see own architecture has evolved in Germany and the Arts world, painters, photographers, they all connect in many ways, from the minimalism of Jil Sander, to the timelessness of iconic actress Marlene Dietrich who influence so many people to director Fritz Lang whose work is still incredibly relkevant. Many fashion designer from Germany are extremely successful and have a very strong identity like Karl Lagerfeld or Thomas Maier, but also Dirk Schonberger the creative director of Adidas who brought the brand to an other level, very modern and forward in terms of all the great collaborations and more fashion oriented while keeping the brands cult ideology.

The Catwalk is a moving moment in this exhibition. Do you miss your former work as a model?Gaultier_142_presse1

Modelling was a great opportunity and positive experience for me. It is a world that many people dram of, but it is all about selling a dream, a fantasy that people can relate and react to. I do not miss modelling as in a way my work evolved in a different direction but very much related to the industry. I was very lucky to work with many iconic fashion designers and photographers and alweays kept in touch with them and now collaborate with them on different projects.

How intensive is the contact to JPG now after the show is successful but in a few months it is over? Are you friends or more a working partnership?

I started to work on this project in 2009…seven years ago. Of course when you start maybe you are more shy to give and share your opinions but after all these years it is great to have an easy communication on how we adapt every time the exhibition. Gaultier loves collaborations and is very open-minded,  it is great to work with him.

As a curator you will bring a message to the people. Which is it for your next exhibition in Rotterdam about Peter Lindbergh?

As a curator I think it is important to show and reveal things that are not necessarily visible by the general public, a message, behind the scenes, unpublished material. People love to learn and discover artists universes. In the case of Peter Lindbergh, he brought a lot society with his vision, change the whole idea of what beauty is and how woman could be photographed by revealing them in a natural way, he really is a master photographer often referred as the “photographer of truth”. He is an icon and one of the few “fashion” photographer like Irving Penn and Richard Avedon who have been able to cross the frontier of the art world as their work are very unique and touch many people by their beauty and simplicity. Lindbergh has been working for almost 40 years now and has a very interesting path, from being a Conceptual Artist in Berlin at the end of the 1960’s to what he became now. He is one of the rare artist with strong social message. He has powerful references that he makes his own, from his singular portraits, dance series, to giving birth to the Supermodels which he created.

Interview: Petra Nossek-Bock

Bilder: Peter Lindbergh (3), Kleid: Nelson Simoneau

Orlando Fashion

Weitere Informationen zur Jean-Paul Gaultier-Ausstellung in München

Vorausschau auf die Präsentation Peter Lindbergh in Rotterdam

 

 

 

 

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