Die wilden Jahre des Thierry Mugler

Das eindrucksvolle Werk des Modemachers ist das Zentrum der Ausstellung in der Hypokunsthalle in München mit dem Titel Thierry Mugler: Couturissime. Es handelt sich dabei um eine Präsentation in acht Akten. Die Theaterbühne hat das exentrische Multitalent, das in jungen Jahren eine Ausbildung als Baletttänzer absolvierte und Kostümdesign studierte, nie losgelassen. Diese Leidenschaft spiegelt sich in der Retrospektive wider. Kuratiert wurde die Schau von Thierry-Maxime Loriot unter der Leitung von Nathalie Bondil, Generaldirektorin und Hauptkuratorin des Montreal Museum of Fine Arts. In München ist sie  bis zum 30.8.2020 zu sehen. Das ist ein guter Anlass für eine Reise in die bayerische Landeshauptstadt.

Outfit: Thierry Mugler, Kollektion Les Cow-boys, Prêt-à-porter Frühjahr/Sommer 1992 Bild: © Ellen von Unwerth

Als brillanter Geschichtenerzähler mit einer Vorliebe für theatralische Performances hat Mugler einige der spektakulärsten Modenschauen seiner Zeit inszeniert. Er entwarf Kostüme für die von der Comédie-Française und dem Festival d’Avignon verantwortete Inszenierung von Shakespeares Macbeth sowie für die Zumanity-Show des Cirque du Soleil. Er brachte seine eigenen Revuen, wie die Mugler Follies, in Paris und The Wyld im Berliner Friedrichstadt-Palast auf die Bühne. Berühmte Popstars trugen in ihren Videoperformances Kreationen von Mugler, darunter Lady Gaga (siehe Aufmacher-Bild) und Céline Dion oder Beyoncé.

In verschiedenen Stationen zeichnet die Ausstellung die Entwicklung des Modeschöpfers nach, der mit seinen Kreationen visionär die gesellschaftliche Entwicklung vorweg nahm. Das gilt sowohl für die Stellung der Frau als Powerwoman oder auch für die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Häufig nutzte er ungewöhnliche Materialien für die Umsetzung seiner Ideen, arbeitete mit zahlreichen einflußreichen Menschen aus unterschiedlichen Branchen zusammen. Zu seiner Liebe zur Modewelt gesellte sich die Lust an der Fotografie. Aus einer spannungsgeladenen Zusammenarbeit mit dem berühmten Modefotografen Helmut Newton wurde eine erfolgreiche Karriere als Fashionfotograf. Rund 100 Bilder von bekannten Fotografen sind in der Ausstellung zu sehen.

Wer die eindrucksvolle Schau besucht, sollte genügend Zeit einplanen. Denn auf dem Rundgang mit den acht Stationen gibt es viel Inspirierendes zu entdecken.

Im einzelnen gliedern sich die Schaffensperioden in folgende Kapitel.

Akt 1: Futuristische Couture & Fembots. Mit der Kreation von futuristischen, aerodynamischen und roboterhaften Looks, die übermenschliche Stärke ausstrahlen, lenkt Mugler den Blick auf das Verhältnis von Mensch und Maschine. Seine Cyborgs und karosserieverkleideten Geschöpfe sind Vorboten der transhumanen Revolution.

Akt 2: Stars & Strass. Staging Fashion. In der Überzeugung, dass Mode in einem musikalischen und theatralischen Setting gezeigt werden muss, begründete Mugler das Prinzip der Modenschau als Spektakel. 1984 öffnete er eine überwältigende, im Pariser Zenith veranstaltete Schau, eine regelrechte Mode-Oper, für ein Publikum von 6000 Personen.

Emma Sjöberg während des Videodrehs zu George Michaels Song »Too Funky«, Paris, 1992, Outfit: Thierry Mugler, Kollektion Les Cow-boys, Prêt-à-porter Frühjahr/Sommer 1992 Bild: © Patrice Stable

Akt 3: Too Funky. 1992 erschien das Musikvideo für den berühmten Song „Too Funky“ des britischen Popstars George Michael (1963–2016), das den Beginn von Muglers Karriere als Videoregisseur markierte. Es existieren zwei Versionen des Videos, eine von George Michael, die in der Ausstellung gezeigt wird, und eine von Mugler. Mit einem gleichzeitig kämpferischen und spöttischen Blick enthüllt der Designer hier den Kontrast zwischen dem Glamour auf dem Laufsteg und dem Chaos hinter den Kulissen.

Bild: Ellen von Unwerth, Eva Herzigová hinter den Kulissen der Thierry Mugler Fashion Show Paris, 1992

Akt 4: Belle de Jour, Belle de nuit. Inmitten der Hippiebewegung setzte Mugler den Flower-Power- und ethnischen Looks der frühen 1970er die Erfindung seiner „Glamazone” entgegen – eine moderne, stylische, urbane, unkonventionelle Frau. Sie profilierte sich durch mutige körperbetonte Schnitte, architektonische Silhouetten und innovative Materialien und verkörperte das von Mugler weiterentwickelte Konzept des power dressing.

Akt 5: Macbeth. Am 6. Juli 1985 spielte die Comédie-Française in der Eröffnungsnacht des Festivals von Avignon eine neue Produktion von William Shakespeares. Geprägt von seiner eigenen Bühnenerfahrung als Tänzer und seiner Faszination für aufwendige Inszenierungen, entwarf Mugler über 70 Kostüme sowie Accessoires für das Stück.

Akt 6: Jenseits der Mode: Mugler hinter der Linse. Geprägt von der gotischen Kathedral-Architektur seiner Heimatstadt Straßburg, von Art Déco und sowjetischen sowie futuristischen Ästhetiken fotografierte Mugler seine Musen für Fotostrecken in Fotomagazinen an schwer zugänglichen Orten wie den Eisbergen Grönlands, den Dünen der Sahara oder den schwindelnden Höhen des Crysler Buildings.

Helmut Newton, Jerry Hall und Thierry Mugler, Paris, 1996 Bild: © The Helmut Newton Estate

Akt 7: Helmut Newton & Mugler. Helmut Newton fotografierte starke Verführerinnen. Seine Bilder von Frauen in Kreationen von Mugler, die traditionelle Erzählweisen hinter sich lassen, zeigen eine Mischung aus kühnem Sexappeal und luxuriöser Eleganz. Sie greifen Kompositionsstrategien surrealistischer Künstler auf, spielen mit dem Konzept des Bildes im Bild oder mit der Gegenüberstellung von Akt und bekleideter Figur.

Akt 8: Metamorphosen. Muglers Ansicht nach ist die menschliche Verführungskunst von der Tierwelt geprägt, die seine fantastischen Kreationen anregt. Muglers Bestiarium ist inspiriert von Meerestieren und Reptilien, von Insekten, Vögeln und Schmetterlingen. Bei seinen Kreationen setzt er auf künstliche Materialien, da es ablehnt, seltene Federn oder exotisches Leder zu verarbeiten.

Informationen:

Die Ausstellung in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, 80333 München, T +49 (0)89/224412,  kontakt@kunsthalle-muc.de, www.kunsthalle-muc.de, geöffnet täglich 10–20 Uhr.

LUXUS-BEGLEITBAND ZUR AUSSTELLUNG (englisch)Thierry Mugler: Couturissime, herausgegeben von Thierry-Maxime Loriot; mit Essays von Jeanne Beker, Nathalie Bondil, Marie Colmant, Matthias Harder, Jack Lang, Amelie Nothomb, Lou Stoppard, Stefano Tonchi und Shelly Verthime; mit 350 Archivbildern und bisher unveröffentlichten Fotografien von den bedeutendsten Modefotografen. Phaidon Verlag, 400 Seiten. Mitnahmepreis in der Kunsthalle: € 79

Aufmacher-Bild: Lady Gaga im Video zum Song »Telephone« (The Fame Monster Album), 2010, Regie: Jonas Åkerlund
Outfit: Thierry Mugler, Kollektion Anniversaire des 20 ans, Prêt-à-porter Herbst/Winter 1995–1996
Courtesy of Haus of Gaga

 

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