Die Tracht des 21. Jahrhunderts ist bunt, fröhlich und global

Darf man Dirndl aus afrikanischen Stoffen nähen? Kein Problem, finden die Expertinnen des 2. FreshFashionTalk zum Thema „Tracht trifft Afrika“ am 3. Juli 2017 im Nürnberger Handwerkerhof.

Nélie Tchmaba, Designerin aus Kamerun, ging recht unbefangen vor, als sie vor sechs Jahren ihr erstes Dirndl im African Style nähte. „Als ich zum ersten Mal nach Bayern gekommen bin, war ich fasziniert von den eleganten Damen, die diese schönen traditionellen Kleider trugen. Ich wollte damals unbedingt auch so ein Dirndl haben.“ Zum Nähen verwendete sie dann einen Stoff mit einem afrikanischen Druck.

Nélie Tchamba mixt Ethno-Einflüsse verschiedener Kontinente.

Wie gesagt, kein Problem für Modefachfrau Barbara Hanne, vom Vorstand des Fachverbands Textil e.V.. Sie betrachtet Dirndl und Co. als Austrian Fashion, als Look fürs Oktoberfest und vor allem als Imageträger für Bayern und Österreich. Das Dirndl wird in Oberbayern auch zu feierlichen Anlässen getragen. „Doch überregional wird das Dirndl vor allem als eine Art Berufsbekleidung in der Gastronomie und auf Touristikmessen gesehen“, erklärt Hanne. Und wenn es fürs Marketing gut ist, dann dürfen das Dirndl gerne auch ein bisschen kürzer, das Madl fescher und der Ausschnitt üppiger sein.

Barbara Hanne sieht im Trachtenlook eine funktionelle und eine folkloristische Seite.

Das Dirndl ist demnach eher Modeartikel, aber keine Tracht. Dürfen echte Trachten verändert, gar afrikanisch gestylt werden? Tracht, das heißt aus dem Mittelhochdeutschen kommend, das was „Getragen“ wird, Kleidung also. Die Trachtenbekleidung war die traditionelle Kleidung der Landbevölkerung in Süddeutschland und schon immer Moden unterworfen. „Ich kenne keine Frau in keiner Zeit“, so die Textilhistorikerin Katrin Weber, „die nicht gerne modisch gekleidet wäre.“ Die Leiterin der Trachtenforschungs- und Beratungsstelle des Bezirks Mittelfranken beschäftigt sich beruflich mit der regionalen Tracht.

Im 19. Jahrhundert hat es zwar auf dem Dorf schon mal bis zu 15 Jahre gedauert bis die Schneiderin am Ort einen bestimmten Modetrend aus der Großstadt umsetzen konnte. Die Schneiderin brauchte die Schnitte, das Wissen und das entsprechende Material. Doch die Kleider der Landfrauen änderten sich immer, dann eben langsam. Unser heutiges Bild der Kostüme der Trachtenvereine basiert auf den ersten bildlichen Darstellungen ab 1860. Tatsächlich ist es eine Art Momentaufnahme. Ein moderner Trachtenverein versteht sich nicht als Gralshüter des ewig Gestrigen, doch ein afrikanisches Stück an der Tracht scheint doch nicht passend.

Bereits bei ihrer Einführung waren Dirndl und Lederhose ein Zitat oder ein Modeartikel. So erfanden in den 1920er Jahren die Städter für ihren Bergurlaub ein eher bequemes Kleidungsstück im Stil der Bekleidung der Bergbevölkerung. In den 1930er Jahren zeigten sich Filmstars wie Greta Garbor gerne bei den Salzburger Festspielen und ähnlichen Anlässen im Dirndl. Doch die Tradtionskleidung wurde – wie viele andere Sitten und Gebräuche von den Nationalsozialisten – instrumentalisiert. Fortan stand das Dirndl für ein ganz bestimmtes Frauenbild, das in die NS Ideologie passte.

Katrin Weber von der Trachtenforshcungsstelle des Bezirks Mittelfranken beschäftigt sich mit den modischen Aspekten der Tracht.

Dies ist sicher ein Grund dafür, dass in der Nachkriegszeit die Tracht eher kritisch gesehen wurde und für ein rückwärts gewandtes Heimatgefühl stand. Deutlich wir das unter anderem bei dem beliebten Film über die Trapp Familie, die in eben diesem bayerisch angehauchten Folklorestil in Amerika Erfolge feierten, führt Barbara Hanne aus.

In den 1960er Jahren waren Flower Power und Hippiestil angesagt. Das Dirndl verschwand aus den meisten deutschen Kleiderschränken. Dirndl und Lederhose wurden erneut zum touristischen Markenzeichen für die Bergregionen. In Franken galt in manchen Ortschaften dagegen immer noch, dass man an der Tracht erkennen konnte, welchen Glauben jemand hat. So waren die katholischen Trachten mit der Kardinalsfarbe Rot geschmückt, während die Protestanten schlichte und eher schmucklose Kleidung bevorzugten.

Inzwischen ist eine junge Generation herangewachsen, die unbeschwert die Lust an der betonten Weiblichkeit mit dem Dirndl auslebt. Auch die jungen Männer finden zunehmend Gefallen an Lederhose und Trachtenjanker. Zu diesem Trend passt auch, dass sich in den Trachtenvereinen ein Generationswechsel vollzogen hat, ergänzt Katrin Weber. Das erleichtert die Öffnung  für neue Einflüsse. Ohne diese würde die Tracht zum Bühnenkostüm verkommen.

Nur der Wandel garantiert der Traditionskleidung, dass sie immer noch beliebt ist. Deswegen sei es spannend zu sehen, was junge Designerinnen, sei es mit afrikanischen Wurzeln oder mit europäischen an modernen Interpretationen von Dirndl und Lederhose liefern.

 

Nicola Mögel, Barbara Hanne, Katrin Weber, Nélie Tchamba und Petra Nossek-Bock (v.l.n.r.) diskutierten über aktuelle Trends.

Teilnehmerinnen an der Diskussion im Forum Handwerkerhof Nürnberg waren die Mitglieder des Fresh Fashion Clubs

  • Nélie Tchmaba, Designerin aus Kamerun,
  • Barbara Hanne, stellv. Vorsitzende des Fachverbands Textil e.V.
  • Katrin Weber, Leiterin der Trachtenforschungs- und Beratungsstelle des Bezirks Mittelfranken
  • Moderatorinnen Nicola Mögel und Petra Nossek-Bock

Die Veranstaltung knüpft an den ersten FreshFashionTalk zum Thema Tracht an. Im vergangenen Jahr ging es um das Heimatgefühl und was Dirndl und Kimono gemeinsam haben.

Clubmitglied Jana Dimopoulou im Gespräch mit einer Journalistin.

Alle Bilder: Orlando Fashion

 

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