Das Dirndl muss der Trägerin gefallen, dann ist es schön

Als Nelie Tchamba anfing, sich mit dem Traditionsgewand zu beschäftigen, war sie von der Form des Dirndls begeistert. Die Modedesignerin mit dem eigenen Label „madebyafricans“ hat seitdem eine Reihe von chicen Kleidern mit Korsage, weit schwingendem Rock und Schürze entworfen. Dafür verwendet die Wahl-Herzogenauracherin Stoffe aus ihrer Heimat Kamerun: Das bringt afrikanische Farben in die Kreationen.

Beim Trachten Talk „Dirndl trifft Afrika“ am Samstag, 4. November 2017, auf der Verbrauchermesse Consumenta in Nürnberg drehte sich alles um die Frage: Welchen Stellenwert hat eine Tracht in einer globalisierten Welt? Darüber diskutierten die drei Mode-Expertinnen Katrin Weber, Leiterin der Trachtenforschungsstelle des Bezirks Mittelfranken, Barbara Hanne vom Fachverband textil e.V. und die Modedesignerin Nelie Tchamba. Moderiert wurde die Runde von Dr. Nicola Mögel und Petra Nossek-Bock, beide vom Fresh Fashion Club.

Bereits im 19. Jahrhundert habe man Stoffe aus Kamerun und dem Senegal  beim Nähen von Trachten in Franken verwandt, berichtet Karin Weber. Überhaupt habe man sich damals in der Region keinesfalls unverrückbar an starre Regeln gehalten. Wie das Dirndl oder der Trachtenanzug aussehen, ist  immer wieder Veränderungen unterworfen. Außerdem geht das Wissen um die Symbolkraft der verwendeten Farben und Formen im Lauf der Zeit immer mehr verloren. Wenn es früher keiner Erklärung bedurfte, welcher Religion die Trägerin angehörte, weil dies aus der Farbe der Haube zum Dirndl hervorging, sind solche Codes inzwischen kaum noch jemandem bekannt.

Nicola Mögel (l.) im Gespräch mit Katrin Weber.
Aufmerksame Zuhörer beim Trachten Talk am Nachmittag.
Barbara Hanne (l.) steuerte amüsante Geschichten bei. An ihrer Seite Moderatorin Petra Nossek-Bock.

Hier greift eine gewisse Unbekümmertheit, die auch aus den verschiedenen modischen Einflüssen resultiert. Barbara Hanne gab einige witzige Beispiele dafür, wie das Dirndl in andere Kulturkreise,  z. B. Asien, transferiert, zu Missverständnissen einlädt. So wollten die Südkoreaner, die im November 2010 als erste asiatische Nation einen G-20-Gipfel in ihrer Hauptstadt ausrichten durften, ihre Gastgeberrolle offenbar besonders gut ausfüllen. Deshalb stellten sie Pappfiguren aller Gipfelteilnehmer auf, die sie in vermeintlich landestypischer Tracht zeigen sollten. Australiens Premierministerin Julia Gillard war sicherlich überrascht, als sie ihre Nachbildung im Dirndl bewundern durfte. Offensichtlich hatten die Südkoreaner Australia mit Austria verwechselt. Ein Fauxpas, der auch bei George W. Bush schon vorkam.

Auch Angela Merkel bekam ein schickes Dirndl verpasst, obwohl die deutsche Bundeskanzlerin mit dem bayerischen Traditionsgewand bekanntlich nur recht wenig anfangen kann. Frau Merkels Dirndl bestand zu allem Überfluss aus einem grünen Rock mit roter Schürze.

Reisen und Tourismus haben einen großen Einfluss auf die Verbreitung von Dirndl und Lederhose. Ab etwa 1870/80 setzte sich das Dirndl in der Oberschicht der städtischen Bevölkerung als „ländliches“ Kleid durch.  Zu jener Zeit wurde gerne in die Sommerfrische ins Oberbayerische und ins Salzkammergut nach Österreich gefahren. Hier sind die Trachten Bestandteil des Alltags. Man trug das Dirndl gerne, ob als Magd oder als Bedienung im Gasthof. Die Erfindung dieses Kleidungsstückes markierte einen der wichtigsten Ausgangspunkte für das heutige Verständnis von alpenländischer Tracht.

In der wirtschaftlich schlechten Zeit nach dem  Ersten Weltkrieg  wurde das Dirndl laut Wikipedia zum Kassenschlager, da es als schlichtes Sommerkleid eine preiswerte Alternative zu den oft teuren und aufwendig gearbeiteten historischen Frauentrachten war. Barbara Hanne verweist in diesem Zusammenhang auf das Berliner Kaufhaus Wertheim, das in den 1920er Jahren eine ganze Trachtenabteilung führte. Hier ging es weniger um die Heimatpflege als um ein fesches Kleidungsstück.

Nelie Tchamba erzählt, wie sie das Dirndl lieben lernte.

Für Nelie Tchmaba ist es ohnehin unerheblich, ob sie mit ihren fröhlichen Kreationen gegen Traditionen verstößt. Sie meint, es komme in erster Linie darauf an, dass sich die Trägerin des Dirndls wohlfühlt und gut aussieht. Ein Standpunkt, der sich zunehmend durchsetzt. Auch Barbara Hanne ist der Meinung, dass es unerheblich ist, ob man nun ein folkloristisches Dirndl, traditionsgemäßes oder ein  modisches trägt. Heikel werde es erst dann, wenn man –  wie in der Nazizeit – dem Dirndl eine gewisse heimattümelnde Bedeutung verleiht und die Frauen auffordert, dieses Gewand als Ausdruck dieser Ideologie zu tragen. Doch davon ist man trotz des aktuell großen Interesses selbst in der jungen Generation an dem Festtagskleid zum Glück weit entfernt. Im Moment wird es in Franken, abseits der Gepflogenheiten im ländlichen Raum, eher als die passende Kleidung für Oktoberfest und Bergkirchweih angesehen. Ob es auch in die afrikanische Heimat passt, möchte die junge Designerin Nelie Tchamba beim nächsten Besuch in Kamerun ausprobieren. Sie ist sich aber schon jetzt sicher, dass sie damit auffallen wird.

Alle Bilder: Orlando Fashion

 

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